Ich bin dann mal(er)weg

Prolog

Ende 2012. Eigentlich mag ich meinen Job und natürlich auch meine quirlige Familie, aber irgendwie fühle ich mich in letzter Zeit gehetzt und überfordert. Bei einem Spaziergang und Plaudern mit meiner allerbesten Frau (es gibt nur die eine, bitte nicht missverstehen), kommt die Idee. Neudeutsches Schlagwort – Entschleunigen. Mal nur für sich sein, Pausen machen, sich die Zeit nehmen und einfach mit dem Strom treiben. Nicht perfekt sein und auch nicht das optimale geforderte Ergebnis erzielen müssen. Bilder von Bergen, Feldern, Wegen, Natur und endlosen Räumen schossen mir durch den Kopf. Momente des Gefühls von Freiheit, Freude und Faszination machten sich breit, ohne das ich was dafür tat. Nur die Vorstellung allein war schon ausreichend. Und wo findet sich das besser alles zusammen als beim

Wandern. Wandern, genau, dass ist es …… vor langer Zeit war ich doch schon mal unterwegs. Ein einziges Mal. Aber ich erinnere mich an die Gefühle von damals und die Begeisterung am Wandern mit all seinen Facetten war immer latent, unbemerkt, da. Berichte dieser Art, ob als Buch oder Film waren für mich deshalb auch nie langweilig.

Kurzum, schnell ist ein Plan gefasst. Ein wenig gegoogelt und gefunden. Eine Strecke die mir landschaftlich liegt und ich schon immer mal besuchen wollte, aber wie ich später merke zunächst profilmäßig nicht so an meine Kondition angepasst ist (man überschätzt sich doch immer wieder gern).

Der Malerweg in der wunderschönen sächsischen Schweiz soll es sein. Nicht weit weg. Rund 4 Stunden mit der Bahn. Man muss halt von mir aus öfters Umsteigen. Mit seiner rund 110km Länge ist er meiner Meinung nach genau richtig.  Etappenplanung, natürlich sind „mir“ ja die vorgeschlagenen viel zu kurz. Also mach ich die viel zu lang. In 5 Tagen will ich den Malerweg durchschritten haben (PS: Heute kein Problem mehr. Angeben „aus“). Zeitraum auf Mitte März, wo das Wetter schon etwas besser sein könnte, festgelegt. Als nächstes die Zimmerreservierung. Da nun aber Mitte März noch keine Session ist, fängt es an schwieriger zu werden. Neue Auswahl der Übernachtungsmöglichkeiten und, Gott sei Dank, die ersten Etappen werden dadurch wieder etwas kürzer.

Dann geht’s an die Ausrüstung. Hier mach ich zumindest nicht den Fehler in einen hoffnungslosen Kaufrausch zu verfallen. Geeigneter Rucksack ist schnell ermittelt. Bei den Schuhen lass ich mir wie empfohlen Zeit und greife aber trotzdem erstmal zu welchen, die nicht so passen. Folge zwei fette Blasen rechts und links an der Ferse. Man taten die weh. Gott sei Dank durfte ich die Schuhe doch nochmals umtauschen und seitdem sind ein paar Meindl die Schuhe meiner Wahl und mit denen ich dann auch recht zufrieden bin.

Etwas Funktionskleidung wie Softsheeljacke, Treckingsocken und eine bequeme Hose zum Wandern.

Wanderstöcke, auch wenn erst etwas komisch an mir aussieht, ich mag sie nicht missen. Sie entlasten den Rücken und so manche eisige Stufe hätte ich ohne sie auf dem Allerwertesten bezwungen.

Trinkflasche, Messer, Taschenlampe, Wanderkarte, Wander-App und Medikit runden das Bild vom Wandersmann ab.

Fertig, der Reisetag kann kommen……..

 

Tag 1 – Liebethaler Grund bis zur Bastei

Gut gerüstet

Ich glaub es kaum. Nun geht’s los. Nach über 20 Jahren wieder zu Fuß unterwegs. Drei Monate Vorbereitung, man will ja perfekt sein. Natürlich genau das Gegenteil von dem im Prolog gewollten. Route planen, Ausrüstung holen und und und …. alles voller Übereifer. Und warum? Um genau dem Stress von Planung und Übereifer zu entfliehen. Ruhe zu finden, und sein es nur ein paar Tage. Selbst das Packen, 100-mal sich sagen „hoffentlich nichts vergessen“.

Es muss einfach mal egal werden und wenn was fehlt, es geht nicht in den Dschungel, die Wüste oder Steppe. An jeder Ecke kann man das, was man dann noch meint zu brauchen, sich holen. Aber um sich fallen zu lassen muss ein Turmspringer auch erst mal den Turm besteigen. Also dann doch erst mal klettern um zu lernen für mich.

Nun steh ich am Absprung, genauer sitze im Zug und hoffe auf eine schöne Erfahrung, nette Leute (so viel sei gesagt, ich hab unterwegs so gut wie niemanden getroffen) und das Wiederfinden eines inneren Gleichgewichtes. Das Ziel und der Weg sind da eigentlich keine Nebensache. Der Weg soll den Blickwinkel und das Gefühl für sich selbst verändern bzw. wieder entsprechend ausrichten, das Ziel ist dann die Belohnung und der Moment des Rückblicks und des Vergleichs. Also sucht man was schönes und anspruchsvolles aus um die Sinne in die gewünschten Bahnen zu lenken. So sitze ich nun sinnierend im Zug.

Es ist Mitte März und eigentlich hatte ich auf ein leichtes Frühlingserwachen gehofft. Vor zwei Wochen sah es jedenfalls noch so aus. Da waren es bei mir zu Hause 15°C. Aber die sächsische Schweiz hat nun mal ihr eigenes Mikroklima und da der Rest von Deutschland schon ziemlich kühl ist, heißt es nun brrrrrr. Aber ich geh‘s an. Bin doch kein Warmduscher! Rund 15km ist die erste Etappe vom Liebethaler Grund bis zur Bastei hoch. Und oben dann doch Warmduscher. Hotel mit Komfort.

Die vier Stunden mit dem Zug bis zum Startpunkt sind ansonsten auch ganz nett und entspannend, wenn Dresden-Hbf. nur nicht so (Achtung, Wortspiel) zugig wäre.

So, Pirna ist erreicht und mit dem Bus geht es hoch zum Liebethaler Grund. Die Sonne scheint. Der Schnee blendet und die niedrigen Temperaturen sind dadurch fast nicht spürbar. Das bringt mich auf das was ich dann doch vergessen habe. Und erst recht bei Schnee. Sonnencreme. Vorweg, am Abend glühen meine Ohren und das Gesicht ist leicht rot.

Los geht’s

Die ersten Schritte, noch holprig, aber nach und nach immer zügiger geht es entlang der Wesenitz. Die Wesenitz wurde ehemals von diversen Mühlen genutzt, von denen heute noch zwei mit Hilfe der Wasserkraft Energie gewinnen. Der Rest steht leer oder verfällt.

Was zuerst auffällt, sind die zahllosen großen und kleinen Eiszapfen, die an den Wänden der Schlucht hängen. Teilweise schweben diese einem direkt über dem Kopf. Also drunter durch und hoffen das nicht gerade in diesem Moment ein Zapfen meint der Schwerkraft nachgeben zu müssen.

Vorbei geht am weltgrößten Wagner-Denkmal, das seit 1933 hier steht und an den Besuch von Richard Wagner im Jahre 1846 erinnern soll. In der nahen Lochmühle hat er Teile seiner Oper Lohengrin komponiert.

Dem grossen Meister

Im Torbogen der Lochmühle, der etwas bergan führt, hatte sich eine fiese Eisschicht gebildet und nichts zum Festhalten.

Durchgang mit Hindernissen

Und dann kommt es. Der erste (für mich) richtige Anstieg. Ich muss sagen, ich bin ein richtiger Bewegungslegastheniker geworden. Nun selbst nicht gerade leicht wie eine Elfe und noch mit etwa 10kg auf dem Rücken, komme ich oben in Lohmen schwer atmend an. Dabei waren das nur rund 30m Höhenunterschied. Ohje!

Dem nächsten Unbill, dem ich zum Opfer falle, ist der Wind. Man muss ein paar Mal über freies Feld, und ausgerechnet heute hat der Wind es in sich. Die Sonne scheint zwar, wie erwähnt, recht kräftig, aber nun hilft die auch nicht mehr. Da hilft nur die Jacke bis zum Kinn zuziehen, Kopf zwischen die Schultern und weiter.

Aber zum Glück nicht weit. Der nächste Wald bietet dann Schutz vor dem beißenden Wind. In Wald, wie soll es anders sein, war vor kurzem wohl Holzaktion. Und zwar als der Boden kurz mal weich war. Man können Harvesterspuren tief sein. Nur zum Laufen sind diese völlig ungeeignet. Bevor einer denkt, warum geht der dann wandern wenn er sowieso nur mault. Keineswegs, sind halt nur ein paar Feststellungen und Erfahrungen die ich sammele. Ansonsten fühle ich mich wohl und Landschaftlich finde ich es bisher herrlich und auch das Wetter ist in Ordnung. Ich schwitze jedenfalls unter meiner Zwiebelpelle aus Jacke, Pullover, T-Shirt wie der Teufel.

Also weiter im Text. Während ich also oberhalb von Lohmen wieder geschützten Wald um mich herum habe, scheint der Weg nach rechts abzubiegen. Wären da nicht ein paar Wanderer, die mir entgegenkommen, nicht so mir nichts dir nichts aus dem Wald direkt vor mir aufgetaucht, ich hätte meinen ersten herrlichen Umweg gemacht. Also es geht wohl eher gerade aus runter zur Försterbrücke. Hier habe ich auch das erste Mal so richtig mit eisigen steilen uralten Stufen zu kämpfen. Fazit „ Hätte ich mich bloß Verlaufen“. Meinem rechten Knie schmeckt es jedenfalls überhaupt nicht, also muss das andere halt herhalten. Schritt um Schritt taps ich runter.

Eisige Motiv

Nach einer weiteren windigen Feldüberquerung finde ich mich wieder in Lohmen selbst. Ein Stück Straße und dann geht’s runter in den Uttewalder Grund Richtung Felsentor. Die Schlucht ist für mich, der das erste Mal in solch einer Landschaft unterwegs ist, atemberaubend. Durch das Uttewalder Felsentor und dann soll es bis Wehlen gehen. Zumindest so der Plan und die Streckenführung des Malerweges.

Durch das Loch soll ich mich durchzwängen

Leider werden aber langsam die Füße lahm und die Zeit knapp. Die Selbstüberschätzung fängt an sich zu rächen, zumindest ein wenig. Also geht es durch das Felsentor, aber ich spare mir den Weg weiter nach Wehlen, lass es links bzw. viel mehr rechts liegen und wandere durch den Höllengrund hoch zum Steinernen Tisch. Der tatsächlich wohl schon seit 1710 hier steht. Ob er noch aus den Steinen von damals besteht, ist nicht klar. Ein Teil wurde 1994 restauriert.

Von da aus geht es direkt zur Bastei. Die Kilometer zählen doppelt. Die Füße wollen schon seit dem Tor nicht mehr. Nun fordern sie langsam ihr Recht. Mit Zwang und gut zureden schleppen sie mich aber dann doch noch den Berg hoch.

Auch wenn ich mich ausgepumpt fühle, muss ich zumindest noch einen kurzen Gang über die Basteibrücke machen und die herrliche Ausschickt über die Elbbögen genießen. Weiter wäre ich aber heute nicht mehr gekommen.

Blick von und über die Bastei

Ich habe mich noch nie selten zuvor so sehr auf das Ablegen der verschwitzen Klamotten (triefend nass ist massiv untertrieben) und eine heiße Dusche gefreut. Das Berghotel Bastei kann ich nur empfehlen. Es ist zwar etwas teurer, Touristenecke halt, aber die Aussicht und das gute Essen im Hotelrestaurant gleichen das aus.

 

Dann Gute Nacht…………..

 

P.S.: Ich hatte keine Gelegenheit einen Gedanken an die Arbeit zu verschwenden, nur höchsten an meine Familie und hab meine ersten körperlichen Grenzen gefühlt.

Würde sagen persönliches Ziel für den ersten Tag voll und ganz erreicht.

Ich freu mich auf Tag zwei……… noch.

 

 

Tag 2 – Bastei bis Porschdorf

 

Aufstehen fällt erstaunlich leicht. Bin schon kurz nach 7:00 wieder auf den Beinen. Ich hatte mit Muskelkater gerechnet, aber nichts. Schön, der Tag kann kommen. Also kurz frisch machen, anziehen, vom reichhaltigen Frühstücksbuffet sich für den Tag Kohlehydrate einführen, Sachen in den Rucksack stopfen und los. Kurz vor 9:00 bin ich raus aus dem Hotel und hab die Bastei komplett für mich alleine. Wo sich sonst Menschenmassen busladungsweise drängen, kurz aufschreien bei der Aussicht, sich dann ins Kaffee setzen und mit der Überzeugung, dass sie alles vom Nationalpark gesehen haben wieder mit dem Bus verschwinden, herrscht gähnende Leere. Also habe ich die Muße mir alles in Ruhe anzusehen.

Bastei – Morgens menschenleer

Nach dem Rundgang auf der Felsenburg geht’s dann weiter, dem Malerweg folgend, hinunter in Richtung Amselsee. Der Weg geht zunächst auf der Sonnenseite völlig eis- und schneefrei weiter. Ich fühl mich irgendwie frei und marschier gut gelaunt mit langen Schritten voran. Aber leider macht der Weg bald eine Biegung, und – Zack Bum – steh ich wieder im Schnee und, wie soll’s anders sein, führt dieser Weg auch wieder über spiegelglatte Stufen nach unten. Gefühlt eine Stunde später steh ich endlich unten an der Pforte zum Naturtheater Felsenbühne und gehe weiter zum Amselsee. See ist allerdings etwas übertrieben. Die Wanderkarte zeigt, man könne hier Boot fahren, aber mehr als ein schwaches Rinnsal ist nicht zu sehen. Etwas Eis links und rechts, mehr nicht. Ich denk, das liegt am langen Winter. Es kam bisher einfach nicht ausreichend Schmelzwasser zusammen.

Amselsee besser -pfütze

Nun geht der Weg auch langsam wieder bergauf. Mir wird jedenfalls wieder richtig warm und zwar so sehr, dass ich mich entscheide eine meiner Zwiebelschalen abzuwerfen. Also ab jetzt nur noch T-Shirt und Jacke. Vorbei am malerischen Amselfall und dem, wie vieler Orts, geschlossenen Restaurants, geht es hoch durch die ersten pittoresken Ausläufer von Rathewalde.

Richtung Rathewalde

Raus auf ein offenes Feld mit Schneewehen und beißendem Wind. Jetzt wird es so nur mit Jacke und T-Shirt doch wieder recht frisch. Aber ich habe keine Lust mich ständig umzuziehen. Das Beste ist einfach nicht stehen bleiben, dann kühlt man auch nicht zu sehr aus.

Wenn man immer wieder über Eisplatten läuft, ist es auch mal sehr erholsam ein Stück Landstraße zu gehen. Oberhalb von Rathewalde folgt man der Straße ein Stück Richtung Hockstein. Es gibt zwar einen Fahrradweg der parallel zur Straße, der ist aber so verweht, dass mir nichts übrigbleibt, als am Fahrbandrand zu laufen. Voraussetzung ist, dass die Kraftfahrer ein wenig Abstand halten. Ein LKW-Fahrer war da wohl eher der Ansicht ich gehöre in den Graben. Jedenfalls kam dieser mir so nahe, dass ich ihn schon eine TÜV-Abnahme hätte machen können. Dabei stand ich schon in Vorrausicht auf diesen LKW auf dem Grünstreifen, aber er musste immer weiter nach rechts ziehen obwohl er mich 100%ig gesehen hatte. Es war wirklich extrem knapp. Menschen gibt‘s.

Der nächste herrliche Ausblick befreit aber von dem kurzen Schrecken. Über die Teufelsbrücke, keiner weiß warum die so heißt, geht es auf den Hockstein.

Blick von der Teufelsbrücke ins Polenztal

Auf den ersten Blick scheint der Weg hier einfach zu enden, aber es geht an der Rückseite über eisfreie Stufen hinunter, mitten durch den Felsen des Hocksteins. Ich bin begeistert.

Durch den Berg… ääh Stein

Ich steige hinab in das Polenztal. Jetzt muss ich mal etwas ausholen. Zu der Zeit als ich hier wandern war, gab es in Deutschland mal wieder einen heftigen Lebensmittelskandal. Es ging um nicht deklarierte Inhaltsstoffe in einem typischen italienischen Gericht. Es wurde wohl das ein oder andere Pferd verarbeitet. Und was muss blasses Auge erspähen? Schaut es euch an 🙂 .

Zumindest richtig deklariert

Durch den Schindergraben gehe ich hoch bis in die Nähe der Burg Hohnstein. Schindergraben ist bei dieser Witterung sehr passend. Man musste schön höllisch aufpassen, nicht Opfer einer fiesen Eisplatte zu werden. Kurz nach dem Bärengarten, am Fuß der Burg, mach ich erstmal Rast. Esse ein paar Happen und lass mir die heute wenigen Sonnenstrahlen aufs Gesicht brennen. An einer Lehrtafel steht zu lesen, dass der Bärengarten um 1600 als Gehege für Bären genutzt wurde. Die Bären wurden dann zu Tierhatzen in Dresden missbraucht. Echt grausam.

Hier sei noch etwas in eigener Sache anzumerken was leider immer und überall aktuell ist und mich so richtig stört. Überall findet man Kippenreste, Bonbonpapier, Verpackungsreste und weiter Zeugs was einfach nicht in einen Nationalpark oder auch sonst wo auf die Wege gehört. Achtlos und ignorant wird, was man nicht mehr braucht, fallen gelassen. Ist es zu viel verlangt, seinen Müll wieder mitzunehmen und im nächsten Abfalleimer zu entsorgen? Mögen diesen Schmutzfinken die Beine abfallen, dass diese nie wieder die Wege verunreinigen können. Pfui sag ich nur.

Nun geht’s auch für mich weiter. Die Pausenreste fein säuberlich für den nächsten Mülleimer verstaut. Auf meinem Weg liegt als nächstes die Graumner Grotte, welche ich einen Besuch abstatte. Die Eisskulptur, die sich gebildet hat, sieht toll aus und irgendwie fühle ich mich durch die an drei Seiten steil aufragenden Wände geborgen. Andere bekommen hier sicherlich hier leicht Beklemmungen.

Heimelich

Weiter über Brand mit einer herrlichen Aussicht, führen mich zahlreich gut begehbare Stufen nach unten. Auf halben Weg begegnet mir eine Schulklasse. Schimpfend wie die Rohrspatzen staksen die Kids, würde sagen so um 13-14 Jahre alt, die Stufen hoch und keine Ende dieser in Sicht ist. Im Vorbeigehen bekomme ich mit, wie einer der Kids seine Lehrerin fragt, ob sie diesen Weg auch wieder nach unten gehen müssten. Ich hör noch die Lehrerin sagen, nein man würde über das Polenztal zurückgehen. Die Klasse atmet auf. Nur ich grinse still in mich hinein. Wir erinnern uns an den Schindergraben? Und den nun abwärts. Ob ich denen gleich den Weg zur nächsten Bergungsbox erklären soll?

Unten angekommen, zweige ich vom Malerweg ab und geh ein Stück den E3 lang bis Porschdorf. Hier ist dann auch mein Ziel meiner heutigen Etappe, natürlich nicht ohne einen letzten kräftezehrenden Anstieg bis zum Gasthof „Erbgericht“. Leider ist das Zimmer sowas von schweinekalt und deutlich kälter als draußen. Ich kann nur hoffen, dass die Heizung es schafft, wenigsten ein wenig Wärme in die Stube zu bringen. Fühle mich nämlich ein wenig angeschlagen. Wärme von Innen gibt es aber mit einem Tee mit Rum in der Gaststätte, bzw. zwei. Einer davon aufs Haus wegen dem kalten Zimmer. Das Essen ist leider nicht der Renner. Sehniges Schnitzel und darüber, damit es die zu dunkel gewordene Panade sich verflüssigt, Rahmpilze. Aber es macht satt. Morgen geht’s dann weiter.

 

P.S.: Nun hab ich doch meine Mails gescheckt, aber merkwürdiger weise ohne das Bedürfnis die Welt zu retten. Frei nach Götz von Berlichingen. Meine Familie vermisse ich aber schon.

P.S.S.: Ich höre gerade Radio und leider sind die Wetteraussichten wenig rosig. Starker Schneefall ist angekündigt. Mal sehen wie es morgen ausschaut.

 

 

Tag 3 – Porschdorf bis Pension Buschmühle im Kirnitzschtal

 

Ich werde sanft gegen 6:00 durch die Räumfahrzeuge vor meinem, immer noch sehr frischem, Zimmer geweckt. Mein kurzer Blick nach draußen, bestätigt meine schlimmsten Befürchtungen. Min 15cm Neuschnee und es schneit immer noch. In der Hoffnung dass es nicht noch schlimmer kommt mach ich mich nach dem Frühstück, was einfach aber gut war, auf den Weg. Einfach mal los und schauen wie weit ich Wanderneuling komme.

Geräumt. Die Wanderwege wohl eher nicht

Zum Malerweg geh ich nicht direkt zurück, sondern folge weiter dem E3 bis Kohlmühle. Ab dort versuch ich dann wieder dem Malerweg zu folgen. Und zwar exakt 200m. Ein schief hängendes Schild weist mich den Berg hoch. Und gehorsam, wie wir Deutschen nun mal sind, stapf ich durch immer tiefer werden Neuschnee los. Bis es mir irgendwann dämmert, dass da was nicht hinhauen kann, aber ich bin schon fast oben. Ein Blick auf die Karte, zeigt mir meinen Irrtum. Ich hätte weiter geradeaus an den Bahnschienen entlang gehen sollen und nicht leicht rechts aufwärts. Nun bin ich aber schon so weit schnaufend gekommen und der Weg scheint auch nach Altendorf zu führen, dass ich nicht mehr umkehre. Der Schnee liegt hier schon recht hoch, so dass ich ziemlich stapfen muss.

In der weisen Hölle (ein bisschen)

In Altendorf muss ich ein wenig suchen um wieder den Anschluss an den Malerweg zu finden. Von da aus soll es hinunter in das Kirnitzschtal gehen. Aber ich wäre nicht ich, wenn ich nicht erneut einen Abzweig verpasse. Hier merk ich es aber rechtzeitig und kehr um. Also zurück. Gott sei Dank nicht allzu weit, um dann aber mit erschrecken festzustellen, dass der Weg über tief zugeschneite, kaum noch erkennbare, uralte Steinstufen steil hinab führt. Und das dann auch noch mit einer Bachüberquerung mitten in der Klamm. An der eine Seite geht’s 3-4m runter, an der anderen kommt dir das Bachwasser entgegen. Das ein oder andere Mal hab ich mich schon im freien Fall gesehen. Aber dank Wanderstöcker und Altherrenschritt (nicht mehr als eine Fußlänge pro Schritt) habe ich eine der für mich bisher schwierigsten Stellen überwunden.

Von da oben komm ich her…

Ab hier folge ich der Straße, auf der auch eine nostalgische Straßenbahn fährt, bis zum Lichtenhainer Wasserfall.

Der Malerweg hingegen zweigt in Höhe des Campingplatzes Ostrauer Mühle ab und macht einen Bogen über die Schramm- und Affensteine. Auch wenn diese sicherlich einzigartig sind, ist mir das bei diesem Wetter nix. Und ich denke es war im Nachhinein eine gute Entscheidung für mich.

Ab dem Wasserfall, den scheinbar jemand abgestellt hat, gehe ich aber wenigstens hoch zum Kuhstall und bei den Schneemengen ist das für mich auch schon sehr anstrengen. Der Kuhstall liegt auf dem Neuen Wildenstein und ist das zweitgrößte Felsentor im Elbsandsteingebirge. Der Name kommt wohl aus dem Dreißigjährigen Krieg, als die umliegende Bevölkerung ihre Nutztiere dort vor den Soldaten versteckte. Zumindest ist das eine Erklärung. Entlohnt werde ich mit einem super Ausblick. An der Seite kann man noch über die Himmelsleiter ganz nach oben steigen, aber das lasse ich lieber. Ich will ja heil ankommen und langsam wird es auch Zeit und ich mache mich dem Malerweg folgend an den Abstieg.

Nur das liebe Vieh fehlt

An einer Stelle wäre ich sicherlich wieder endlos falsch gelaufen, wären nicht im Schnee Spuren eines vor mir laufenden Wanderers an der entscheidenden Stelle abgebogen. Danke an den Unbekannten. Noch ein paar Meter der Straße entlang und ich lande in der Buschmühle, meinem heutigen Tagesziel. Ich bin der einzige Gast und werde, nach dem ich mich ausgiebig geduscht habe und in frisch Klamotten geschlüpft bin, auf leckerste von der Schwiegermutter des Hauses bekocht. Eine einfache Unterkunft, aber wer so wie ich abschalten will, ist hier genau richtig. Kein Handynetz, kein Fernseher. Nur ich, die Ruhe, ein Buch und ein leckeres Weizenbier. Entspannung pur.

 

Leider wird meine Wanderung hier zu Ende sein. Ich schau aus dem Fenster und es schneit schon wieder recht ordentlich. Noch mehr Schnee auf den Wanderwegen, der eh schon recht hoch lag, macht mein Vorankommen zu nichte. Dafür bin ich einfach noch zu untrainiert. Schade, denn bis hierher war es trotz des Wetters sehr angenehm. Ich beschließe am nächsten Morgen die Straße zurück zum Lichtenhainer Wasserfall zu gehen um von dort aus mit der Kirnitzschbahn nach Bad Schandau zu fahren. Ab da geht es dann mit dem Zug wieder zurück.

 

Fakt ist, mir macht Wandern spaß und ich mach weiter. Auch mal 3 Tage nur für sich zu sein ist eine angenehme Erfahrung. Ich habe auf meinen Etappen so gut wie keinen Menschen getroffen. Bei denen, dir mir entgegen kamen, blieb es immer nur bei einem flüchtigen „Hallo“. Es erfüllt genau den Zweck den ich mir zu Beginn der Reise erhofft habe und ich will mehr. Ich stehe noch am Anfang. Mit Zelt und Kocher unterwegs zu sein schreckt mich noch ein wenig, werde ich aber sicherlich auch mal probieren. Leider werde ich zunächst nicht länger als eine Woche laufen können. Dafür bindet mich meine Familie doch zu sehr, im positiven Sinne gemeint. Bis dann und Tschau.

Noch ein paar Bilder vom Heimweg

 

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