Westweg – Tag 2

Tag 2, Dobel – Forbach, 27km

Ich habe geschlafen wie ein Stein. Die Nacht zuvor im Zug war ja nicht besonders gut und lang. Da musste ich wohl etwas nachholen. Es ist kurz nach halb sieben und Frühstück gibt es erst um 8:00. Also habe ich noch Zeit und somit gilt das erste Augenmerk des Tages meinen Blessuren vom Vortag. Die Beine sind noch lahm aber dran, die Blase ist halbwegs versorgt und was sonst noch so weh tut, wird gnadenlos mit Schmerzgel zugekleistert. Noch die Sachen in den Rucksack stopfen und bloß nix vergessen.

Nach einem kurzen schnellen Frühstück, irgendwie mag ich heute nicht mehr als ein Brötchen, stehe ich kurz nach halb neun vor dem Hotel auf der Straße. Der Tag verspricht wieder sehr schön zu werden. Top Wetter ist angesagt. Die ersten Schritte sind echt mühselig. Alles ist noch etwas träge und ziept hier und da. Das lässt Gott sei Dank aber schnell nach. Schon nach wenigen hundert Metern, am Sonnentor oberhalb von Dobel, wird es besser. Ich hole mir den Stempel und ab geht es in Richtung Forbach. Am Ortsausgang steht noch ein Aussichtsturm, aber ich mag mich nicht die Treppen hochquälen. Das halte ich im Übrigen auch so bei den meisten Türmen. Mir reichen die zahllosen Aufstiege des Westweges völlig aus. Da brauchen ich und mein Knie nicht noch endlose Treppen dazu. Schon kurz nach Dobel verschwinde ich auf dem Weg im Wald und kann die Ruhe und die klare Luft genießen. Meine Gedanken gleiten dahin und die ersten Gefühle von Freiheit strömen auf mich ein.

Internationale Bankgeschäfte

Ich merke gar nicht wie die Zeit vergeht. Schon liegen die ersten 5 km hinter mir als ich an der Hütte am Weithausleplatz ankomme. Die erste Rast des Tages ist angesagt. Eine Gruppe Eltern mit ihren Kindern ist auch gerade hier am Rasten. Die Gruppe hatte ich am Vortag schon mal überholt. Heute erscheint diese mir aber deutlich kleiner. Und auch hier verabschiedet sich gerade ein weiterer Vater mit seinem Sohn von der Gruppe. Ich kenne zwar den Grund nicht, aber es erscheint mir so als wäre Wandern nicht so das Ding für jeden aus dem Kreis. Die Geschmäcker sind halt verschieden. In der Hütte sitzt ein Wanderer mit dem ich schnell ins Gespräch komme. Sein Name ist Daniel und gegen dem was er läuft ist mein Vorhaben ein Spaziergang. Daniel stammt aus England und ist auch von dort gestartet. Sein unglaubliches Ziel ist Jerusalem. Dabei läuft er einen Teil des Westweges und biegt bei Titisee nach Freiburg ab. 1800km hat er bereits hinter sich und übernächtigt meistens draußen. Als ich weiterziehe und meine Blicke über die herrlichen Aussichten in die Ferne schweifen gehen meine Gedanken, angespornt durch die Geschichte, darüber hinaus. Sie ziehen entlang von Wegen, die ich noch nicht gegangen bin. Bewegen sich durch die Zeit, ohne ein Zeitgefühl aufkommen zu lassen. Ich nehme einen Hauch, eine Prise von Freiheit in mich auf. Ich bin total beindruckt von Daniel und seinem Vorhaben.

Am Weithausleplatz – Entscheidung?

Kurze Zeit später hat er mich eingeholt und drückt mir einfach so zwei Minibounty in die Hand. „Ohne Schokolade kann ich nicht laufen“, sagt er zu mir und teilt seinen Vorrat mit mir. Nun bin ich nicht nur fasziniert sondern auch gerührt. Ich von meiner Seite kann zum Glück mich revangieren, denn etwas später überhole ich ihn und treffe ihn dann letztendlich in Kaltenbronn bei meiner Rast in einem Restaurantgarten wieder. So kann ich ihm wenigstens einen verspäteten Morgenkaffee spendieren. Leider trennen sich unsere Wege wieder viel zu schnell, da er jeden Tag ein deutlich größeres Pensum hinter sich bringt als ich. Wir hätten sicherlich noch endlose Geschichten und Themen austauschen können. Aber meine Mailadresse hat er. Und sobald er ankommt hoffe ich auf Nachricht von ihm.

Daniel – Mein üblicher Blick auf Mitwanderer

Das ist einer der Aspekte, der Wandern für mich ausmacht. Leute aus aller Welt mit den verschiedensten Zielen und Motivationen kennenlernen zu dürfen. Erfahrungen und Geschichte auszutauschen und so ein Teil des anderen mit auf den Weg nehmen. Einfach mit Gleichgesinnten zusammen zu sein und später wieder jeder seinen eigenen Weg vorsetzt. Ohne Zwang oder irgendwelchen Verpflichtung. Das allein ist schon jeder Strapaze wert. Irgendwann will auch ich solche Wege gehen. Wege wie der Jakobsweg von meine Heimatstadt aus, von München nach Venedig oder Apalachian Trail in den USA. Das währen Wege dir mir vorschweben. Es gibt noch so viel zu sehen, zu entdecken und noch so viele Menschen kennenzulernen. „Ich will“, so denk ich mir, „solange ich noch kann“.

Blick vor dem Absturz

Aber schon der Westweg droht mir meine Grenzen zu zeigen. Nach einem etwas anstrengenden Part zum Hochmoor und dem Hohlohsee ist es vom Hohlohturm bis nach Forbach eigentlich relativ entspannt. Nur das letzte Stück geht über Stock und Stein runter zu meinem heutigen Etappenziel. Und nun schlägt das Universum wieder zu. Kurz ein wenig unachtsam, ein falscher Tritt, mir fliegen die Stöcker aus den Händen und ich merke nur noch einen heftigen Schmerz in meinem eh schon lädierten linken Knie. Mir schießen die Tränen in die Augen und ich denk nur noch „Mist, das war’s“. Jeder Schritt tut von  nun an weh. Nochmal eine kurze Rast um des Knie mit Schmerzgel einzureiben in der Hoffnung, dass es bis Forbach hält.  Nach dem humpelnden Abstieg geht es nochmal ein paar wenige Meter hoch. Das nehme ich mal zum Testen für morgen, denn es geht gleich am Anfang der Etappe ziemlich hoch, merke aber eigentlich nur Schmerz. Und das nun in beiden Knie. Das eine lädiert das andere dadurch überlastet. Ich bin ziemlich ernüchtert und schlagartig wieder auf dem Boden der Tatsachen gebracht. Blasen und Knie, wo soll das enden? Mühselig schleppe ich mich über die alte Holzbrücke in Forbach zum Hotel. Für das 200 Jahre alte Wahrzeichen habe ich kaum einen Blick übrig.

Für ein Foto hat es noch gereicht – aber kein Gutes

Später muss ich vom Hotel aus, ja ich habe es tatsächlich geschafft, mir wieder ein Restaurant im Ort suchen. Das hab ich allerdings schon vorher gewusst. Das Hotel wurde erst vor wenigen Tagen wiedereröffnet und es wird zum Teil noch gebaut und sich eingerichtet. Dafür habe ich Verständnis. Die Chefin des Hauses empfiehlt mir eines nur 5min vom Hotel entfernt. Ich brauche 10 aber die Empfehlung war gut. Zum Abschluss des Tages geht es nochmals ans Verarzten. Die Blase sieht übel aus, Sie ist deutlich grösser geworden. Also alles reinigen und nochmal Blasenpflaster drauf. Am großen Zeh hat sich auch eine kleine Blase gebildet. Das einzige was aber wirklich schmerzt, ist das Knie und die Angst vor einem drohenden Abbruch der Tour. Dabei fängt es doch gerade erst an. Tiefgründige Gedanke, Freiheitsgefühle, nette und interessante Leute. Alles währt sich gegen die allerletzte Konsequenz. Aber ich muss auf morgen hoffen und sehen was der Tag bringt. Das habe ich auf jeden Fall heute von der Wanderung mitgenommen.

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