Westweg – Tag 4

Tag 4, Ochsenstall – Zuflucht, 23km

Der morgentliche kühle und frische Duft des Waldes hängt im meinem Zimmer als ich die Augen aufschlage. Die Nacht war herrlich und diese Ruhe flasht einen. Ich fühle mich fit die nächste Herausforderung zu meistern. Heute soll es über die Hornigsrinde gehen, die höchste Erhebung des Nordschwarzwaldes. Das Wetter verspricht heute wieder viel Gutes und sicherlich wunderbare Ausblicke. Mit ein paar Handgriffen, die nun schon langsam zur Routine werden, mach ich mich und meine Sachen flott bereit, denn ich will möglichst früh los um die Ruhe und den jungen Tag zu genießen. Vorab gibt es noch ein einfaches aber gutes Frühstück und einen kurzen Plausch mit dem Wanderheimvater. Zusammen mit dem rüstigen Radfahrer vom Vorabend, der wohl die gleichen frühen Gedanken hatte, bin ich dann aber auch Ruck Zuck draußen. Wolfgang, der heute auch das gleiche Ziel wie ich hat, lässt sich da schon etwas mehr Zeit. Es sind ja schließlich nur gut 23km.

Heutige Startpunkt – Empfehlenswert

Ein gutes Stück des Aufstieges zur Hornigsrinde hatte ich gestern schon geschafft. Jetzt kommt das letzte Stück. Dies fängt auch gleich hinter der Herberge an und ist echt heftig. Zumindest für die noch trägen Beine. Diese brauchen eben immer ein bisl bis sie warm sind. Also Jammer die Muskeln erst mal bei jedem Schritt und ich mit ihnen. Die Blasen melden sich auch ein wenig. Erträglich, aber sie wollen in Erinnerung bleiben. Zum Glück ist der Aufstieg nicht allzu lang und schon stehe ich unterhalb eines pompösen Windrades. Mitten im Naturschutzgebiet. Ich bin zwar für regenerative Energie aber tut sowas Not? Ich möchte nicht wissen wieviel Geld da geflossen ist, dass dieser Krachmacher, und er ist mehr als deutlich zu hören, hier einfach so hingeklotzt werden konnte. Die Aussicht vom Gipfel ist zwar schön, aber nur mit dem Ding im Rücken. So mach ich mich auch schnellsten wieder an den Abstieg in Richtung Mummelsee.

Fernsicht ohne Windradkrachmacher

Eine Ecke die sich deutlich auf Touristen in Fernbussen spezialisiert hat. Das Hotel ist aber schön aber auch nicht gerade billig. Letztes Jahr habe ich da übernachtet, weil es, wie ich schon erwähnt hatte, vom Wetter nicht mehr ging und man sich einfach mal was können wollte. Ansonsten reichen mir eher einfache Unterkünfte. Im angeschlossenen Nippesstore am Hotelparkplatz besorg ich mir Brot und Salami als Wegzehrung. Ein Westwegportal steht hier auch wieder an dem ich meine Stempelsammlung erweitern kann.

Erst trinken dann stempeln

Es bleibt ein stetiges auf und ab. Vom See geht es an der B500 lang zur Seibelsecke runter um gleich wieder zum Lothardenkmal hinauf zu führen. Kurz vor dem Denkmal werde ich mal wieder vom Italiener überholt. Luca, so sein Name, hatte etwa 5km abseits des Weges übernachtet und schon hier hat er mich wieder eingeholt. Unglaublich, ich muss nur so dahin kriechen. Am Denkmal erkläre ich Ihm, wie 1999 der Sturm Lothar hier den Baumbestand massiv verwüstet hat und deswegen es heute noch so kahl an den Hängen aussieht. Eine klare Folge der Monokultur in der damaligen Forstwirtschaft. Kurz darauf ist auch schon wieder auf und davon und ich bin wieder allein auf dem Weg. Ab und an holen mich dann wieder die Gedanken an Daniel und sein Ziel ein. Der ist bestimmt auch schon zig Kilometer voraus. Ich beneide Ihn für seine Art die Dinge zu sehen und anzugehen.

Langsam kommt der Wald zurück

Oberhalb vom Wildsee mache ich meine erste Rast. Der Blick hinunter zum See ist fast mystisch. Die dunkle Wasseroberfläche des Karstsees scheint schaurige Untiefen zu verbergen und dunkle Geheimnisse zu hüten. Wer Lust hat kann einen schmalen Weg hinunter zum See folgen, sollte aber trittsicher sein. So zumindest die Hinweisschilder. Ich bleibe lieber Oberhalb und schau mir die Urnengrabstätte von Dr.Julius Euting an. Dieser war durch seinen Einsatz maßgeblich beteiligt an der Erschließung des Höhenzugweges Hornigsrinde-Zuflucht. Auf einer Bank nahe der Stätte lasse ich mich nieder und widme mich meines Erwerbes vom Mummelsee. Einfach aber lecker. Ein Wandere braucht halt nicht viel um zufrieden zu sein. Nach wenigen Minuten kommt auch schon wieder ein bekanntes Gesicht angelaufen und meine Vermutung, dass ich heute ziemlich langsam unterwegs bin bestätigt sich. Es ist Wolfgang. Er setzt sich auch gleich zu mir und packt seine essbaren Mitbringsel vom Mummelssee aus. Ebenso wie ich hat auch er langsam Probleme mit fiesen Blasen. Nicht so groß wie meine, aber die Dinger tun wohl auch recht weh. Der ständige Wechsel zwischen Gefälle und Steigung tut da sein Übriges.

Dunkle Tiefen….hui

Das merke ich schnell nach der Rast dann auch. Es geht nämlich erst mal wieder runter entlang einer Skipiste zum Ruhestein, um dann auch gleich wieder steil anzuteigen. Ich werde aktuell den Eindruck nicht los, dass jeder noch so kleine Gipfel mitgenommen werden will. Kurz vor dem Etappenziel will es der Weg dann nochmal so richtig wissen. Es ist zwar nicht sehr hoch aber nach dem Lauf heute heißt es die letzten Kraftreserven zu mobilisieren, die Blasen ignorieren und Gas zu geben. Ich bin völlig fertig für heute als ich die Rezeption der Zuflucht erreiche. Dabei waren es nur 23km.

Das Ziel, endlich

Ich will nur noch in mein Zimmer und ausgiebig duschen und meine brennenden Blasen verarzten. Die sehen leider nicht besonders gut aus. Aber erstmal egal, denn es meldet sich auch noch der Hunger. Also in die Ausgehuniform geschlüpft (frisches T-Shirt und Unterhose) und ab ins Restaurant vom Hotel. Dort ist dann auch schon Wolfgang und genehmigt sich gerade ein frisches, kaltes Hefe. Mir trocknet bei dem Anblick der Mund nun endgültig komplett aus und kann es kaum erwarten bis die Bedienung mir meines bringt. Nach dem ich mit dem Bier meine Lebensgeister wieder geweckt habe, entdecke ich am Nebentisch Luca. Der wollte eigentlich bis zur Alexanderschanze laufen. Hat sich aber dann doch entschlossen hier in der Nähe zu bleiben und sein Quartier im nahen Wald aufzuschlagen. Und jetzt gibt es mal wieder ein Fingerzeig in meine Richtung. Im Laufe des Abends stellt sich raus, dass Luca letztes Jahr den Camino Primitivo gegangen ist. Er war also mal ein Pilger. Etwas womit ich in Gedanken auch schon mal gespielt habe. Erst jemand der durch ganz Europe geht und dies auch schon auf andere Strecken getan hat und nun einen Italiener der das Pilgerleben kennt. Ich bin Feuer und Flamme für seine Erlebnisse und versuche mit meinen bescheidenen Erfahrungen mitzuhalten. Das ist jetzt kein Wettstreit, sondern ein wunderbares Gespräch. Später beim zu Bett gehen schlafe ich mit einem Gedanken ein – „Warum nicht?“

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