Westweg – Tag 6

Tag 6, Hausach – Wilhelmshöhe, 21km

Schon kurz vor 8:00 Uhr stehe ich auf der Straße. Nicht weil mich die Wirtin aus dem Hotel geschmissen hat, sondern weil ich den Tag ruhig angehen will. Es erwarten mich heute schließlich etliche Höhenmeter. Hausach liegt um diese Zeit noch total ruhig da. So gut wie kein Verkehr und auch keine Menschen auf der Straße. Es ist Vatertag und alles schläft noch. Ich genieße die selten städtische Ruhe.

Morgens ist die Welt noch in Ordnung

Die ersten paar Meter zur Burgruine Husen hoch sind noch recht einfach. Im morgendlichen Licht und den noch langen Schatten durch die tiefstehende Sonne wirkt die Burg fast lebendig. Nach dem Rundweg komme ich an eine kleine harmlos wirkende Säule vorbei. An der Säule steht ein kleiner Hinweis. „300m. Ab jetzt geht es steil nach oben…“ Mir schwant Übles. Aber was soll’s. Rückzieher ist nicht.

Morgendliche Andacht

Der erste Abschnitt vorbei am Hodelstein bis zur Musikinstrumenteninstallation ist aber gar nicht so schlimm. Es gibt schon einiges kurioses am Wegesrand. Der Hodelstein und die Installation gehören aber zu den Auffälligsten. Am Hodelstein, den ein riesiger roter Pfeil markiert, hängt ein Text mit einem Bild von Albert Einstein. Zu lesen ist „Der Hodelstein, 8396m u.M. (*) am Westweg.“ Und ganz unten „(*) Meter unter Mount Everest“. Wem das schon skurril erscheint, sollte sich ein Stück weiter die Stadtkapelle anschauen. Hier kann man mitten im Wald Tuba, Posaune und Baumxylophon spielen. Das lenkt ab von dem was kommt. Eine weiter Säule verkündet dann auch nichts Gutes. „480m. Der erste Anstieg ist geschafft“ steht zu lesen. Es geht also noch weiter hoch und der Spaß fängt jetzt erst an. Einen Vorteil hat das Ganze aber. Die Gedanken sind fest auf den Weg fokussiert. Träumen, ob der Anstrengungen die nun folgen, ist erst mal nicht.

Erst Physik dann Musik, wie in der Schule

Bevor es aber richtig zur Sache geht, hängt ein Kasten mit dem Gipfel des Farrenkopfes. Wahrscheinlich schon hier, weil man oben keine Kraft mehr hat zum Schreiben. Das Buch ist leider voll, so opfere ich ein paar Seiten meines Tagebuches und hinterlasse Wolfgang eine Nachricht und einen Gruß. Er ist durch meine letzte Etappe nach Hausach nun ein Tag hinter mir. Ich hoffe erliest ihn.

Als ich so wieder beim Einpacken bin, kommen doch tatsächlich zwei Mountainbiker den Weg hochgefahren. Wenig später sehe ich von weiten, wie sie absteigen und die Räder schieben. Der Weg wird an der Stelle auch immer steiler und rauer. Ich bin fix und foxy als ich endlich die Hütte auf dem Farrenkopf erreiche. Für die Aussicht hat sich der harte Aufstieg aber gelohnt. Die beiden Radfahrer sind auch noch hier oben und machen wie ich hier Pause. Ich erfahre, dass sie den Westweg per Rad meistern wollen. Wenn ich daran denke wie der Weg bisher schon war, alle Achtung. Für sie geht es heute noch bis zur Kalten Herberge, welche erst morgen mein Ziel sein wird. Da werden sie sicherlich noch öfters mal schieben müssen.

Oben – kurzes Hurra

So. Oben war ich. Jetzt geht es mal wieder runter. Das frustriert schon. Alles was man mühselig erkämpft hat, Blut und Schweiß gelassen hat, alles dahin. Aber so ist es nun mal. Wie im Leben. Man muss den Weg nehmen wie er ist. Außerdem fühlt es sich auch gut an, wieder eine Herausforderung gemeistert zu haben und verpasst einem ein Glücksgefühl. Die kleinen Belohnungen des Weges, die man zum Vorankommen so braucht. Und die nächste Belohnung lässt nicht lange auf sich warten. Gut einen Kilometer vor dem Huberfelsen, muss ich kurz anhalten um einen kräftigen Schluck zu trinken. Bei dem Wetter und dem Hoch und Runter schießt mein Verbrauch in die Höhe. Ich dreh mich kurz um und sehe Luca auf mich zukommen. „Have you seen the sign before?“ begrüßt er mich. Ich weiß auch gleich worauf er hinaus will. Ein kleines Stück des Weges zuvor war an einer Wegtafel ein kleines zusätzliches Zeichen zu sehen. Eine gelbe Muschel auf blauem Grund. „Yes, I took a picture of it.“ Lächle ich ihm entgegen. Wir sind beide begeistert. Er, weil er den Camino schon mal gegangen ist und ihn diese schwer beeindruckt hat. Ich, weil es Nahrung für meine Sehnsucht ist, die sich hier ziemlich deutlich manifestiert hat. Ich komme jeden Tag auf dem Weg zur Arbeit an der Muschel vorbei. Dies ist ein weiterer Ruf an mich.

Zusammenhang ?

Während wir zusammen nun so laufen, steigt der Weg wieder deutlich an und erreicht schließlich den Huberfelsen, den wir ersteigen und ein kleine Rast bei Wasser und Studentenfutter machen. Auch hier ist die Rundsicht einfach traumhaft. Wer brauch da Aussichtstürme. Jeder kann sich denken was nun folgt. Es geht mal wieder bergab. Noch kann ich gut mit Luca mithalten. Klar, bergab zieht meine Masse, muss aber höllisch aufpassen nicht wieder mein Knie zu lädieren. Das wäre eine echte Katastrophe. Nach dem die tiefste Stelle zwischen Huberfelsen und Karlsstein muss ich Luca ziehen lassen. Ich kann dem Jungspunt nicht nacheifern und stelle resigniert fest, dass ich für meinen Körper und meine Fitness einfach mehr tun muss. Ich weiß, ich bin schon ein wenig in die Jahre gekommen und werde wohl nie wieder so flink wie er die Berge erklimmen, aber auf dem letzten Loch möchte ich nicht mehr pfeifen. Auch wenn es radikal klingt, beschließe ich mich wegen meine Knie unters Messer zu packen. Und hoffe damit dann wieder mehr und vernünftig in meine Ausdauer und Gewichtsreduktion zu investieren.

Derweil lenke ich meine Missstimmung von mir auf meine neue / alten Wegbegleiter. Man könnte ab hier den Westweg nämlich auch Windkrachweg nennen. Gefühlt hat jede Erhebung mit einem Windrad ein Häubchen aufgesetzt bekommen, die man weder übersehen noch überhören kann. Dazu wurden grobe Schneisen in den Wald gehauen. Und zum Hohn an den friedlichen Wanderer, heißt der Westweg nun auch noch zusätzlich Energieweg.

Hinten einer und vorne auch so ein Ding

Was ist Rot wie eine Tomate und steht auf dem Karlsstein? Natürlich ich. Das Schlimmste ist geschafft. Von Luca allerdings weit und breit keine Spur. Aber er hat eine Schwäche, er macht schon gern mal etwas länger Rast. Wobei das sicherlich keine wirkliche Schwäche ist. So sehe ich ihn wenig später in einem Lokal in Rensberg draußen auf eine Bank sitzend wieder. Ich setzte mich zu ihm. Eine Bank hinter uns ist ein Vatertagstrub schon ordentlich in Fahrt und verbreitet Stimmung. Bei Bier und Bratwurst, die im Übrigen richtig gut waren, erzählt er mir noch etwas von seinen Erfahrungen auf dem Jakobsweg. Er trifft mit seinen Beschreibungen genau die Punkte die auch ich sehe und bestätigt mich noch mehr den Weg früher oder später zu wagen. Wie sich in unserem Gespräch sich auch noch herausstellt hat der liebe Luca tatsächlich am selbe Tag wie ich Geburtstag. So ein Zufall aber klar ein paar „wenige“ Jahre später. Und auch er will genau an diesem Tag den höchsten Punkt auf dem Weg, dem Feldberg, erreichen. Als wir aufbrechen, beschließen wir uns, dort um 12:00 zu treffen.

Wenn ich groß bin, werd ich Westwegportal

Weit ist es für mich heute nicht mehr. Ich muss nur den Bus an der Wilhelmshöhe erwischen, da in der Pension direkt am Weg nichts mehr frei ist. Luca übernachtet mal wieder Outdoor und hält schon etwas früher in der Nähe einer Wirtschaft an um sich einen Rastplatz zu suchen. Ich lande letztendlich in Schonau in einer zur Pension erweiterten Pizzeria. Essen gut, Zimmer ein knappe Note 3, aber Hauptsache eine Dusche und ein Bett. Ich habe das Gefühl, dass ich meine Bewertungen aber auch früher oder später mal ablegen muss. Meine Ansprüche erscheinen mir im Nachhinein manchmal immer noch zu hoch.

Etappenziel in Sicht

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