Westweg – Tag 8

Tag 8, Kalte Herberge – Hinterzarten, 27km

Es verspricht wieder ein ruhiger und warmer Tag zu werden. Wie warm werde ich noch kurz vor Ende der Etappe merken. Die nächsten Tage werden auch die zurückzulegenden Distanzen größer. Ich bin ja inzwischen gut eingewandert, da sollte das kein Problem sein. Nach einem ausgiebigen Frühstück treibt es mich wieder vorwärts. Schon kurz nach meinem Start trifft der Westweg mal wieder auf den Jakobsweg. Diesmal verlaufen beide Wege ziemlich lange parallel. Immer wieder taucht das Muschelsymbol auf und an einigen Stellen blaue Pfeile. Warum blau und nicht wie eigentlich üblich gelb erschließt sich mir nicht. Und ja, ja – bei den vielen Rufen ist meine Entscheidung innerlich für das nächste Jahr längst gefallen. Ich muss sie mir nur noch richtig bewusstwerden.

Eines ist von einem anderen Tag – ratet

Die Landschaft liegt gleichmäßig da und lädt dazu ein die Gedanken mal wieder schweifen zulassen. Ich fühle mich frei und wohl. Eingebettet in die Natur, als Teil einer Gesamtheit. Nicht mehr nur als ein kleines funktionierendes Rädchen in der Welt, dass beliebig ersetzt werden kann. Ich begreife, dass die Natur viel mehr ein Teil von mir ist und die nun gefühlte Verbundenheit meiner Sehnsucht nach Freiheit und entspringt. Wir kommen aus der Natur und gehen, wenn uns das Zeitliche ruft, wieder dahin zurück. In der kurzen Zeit die wir hier haben, genießen die meisten Menschen aber nur irgendeiner Art der Natur aus Dosen. Wir werden dazu erzogen zu funktionieren und den Erwartungen der Gesellschaft zu entsprechen. Uns wird jeden Tag durch die Medien und unser Umfeld gezeigt, wie wir zu sein haben. Das Filtern haben wird uns verlernt. Genauso wie uns verlernt wird, wie echt Natur riecht, schmeckt und sich anfühlt. Wer das Draußen liebt oder unabhängig sein will, wird oft schnell als Spinner abgetan. Auch ich bin dabei meine Ziele neu zu definieren. Meine Einstellung ist bereits im Wandel. Ich bin dann gern ein Spinner.

Ruhe

So in Gedanken versunken, merke ich gar nicht, dass ich Titisee schon ziemlich nahegekommen bin. Der Weg besteht jetzt um großen Teil aus Asphalt. Das merke ich in den Füßen, da die Dämpfung der Schuhe den harten Untergrund nicht mehr komplett abfedern kann. Inzwischen ist es auch ziemlich warm geworden und ich habe Lust auf ein Eis bekommen. Ich schau noch ein wenig die Golfspieler auf dem örtlichen Golfplatz zu, ich selbst hab auch mal einige Zeit gespielt, bevor ich mich in Richtung Stadtzentrum begebe.

Kurz vor dem Eis

Auf der Suche nach einem Eiscafé werde ich hier auch schnell fündig. Titisee mit seiner Lage am gleichnamigen See wirkt sehr mondän. Das gute Wetter, die Boote auf dem See und die Leute verstärken diesen Eindruck noch. Ich empfinde mich hier eher als Fremdkörper. Verschwitzt, mit Rucksack und Wanderstock ist man wohl eher etwas deplatziert hier. Drum bin ich auch froh, als es wieder raus aus Titisee geht. Nach Hinterzarten geht es nochmal über einen kleinen Hügel. Es sind zwar nur rund 200 Höhenmeter, aber inzwischen ist es so warm, dass mir die Anstrengung den Schweiß aus allen Poren treibt. Ich zerfließe regelrecht. Nach der Sprungschanze, die der Olympiastützpunkt für unsere Skispringer ist, geht es endlich wieder bergab.

Verschwitzt aber schön

Ich muss heute noch durch den Ort zum Bahnhof, da ich direkt in Hinterzarten leider kein Zimmer mehr bekommen konnte.  Darum also zwei Stationen mit der Bahn nach Neustadt. In der Bahn sehe und höre ich die Schaffnerin mit einer Dame diskutieren.

„Ich habe eine Fahrkarte.“

„Ja, aber diese haben sie nicht dabei“

„Die liegt bei mir zu Hause und ist gültig.“

„Wenn sie keine Karte dabeihaben, müssen sie eine hier kaufen. Zu Hause ist nicht dabei“

„Aber ich habe doch eine gekauft, das kann die Dame am Schalter bestätigen.“

„SIE müssen die Karte dann aber auch vorzeigen können“

Das geht noch so eine Weile hin und her. Die Dame kauft erbost eine Karte und die Schaffnerin schaut mich augenrollend an und versucht erst mal wieder runterzukommen. Bei der Aktion ist sie nach Außen erstaunlich ruhig geblieben. Nur innerlich scheint sie auf 180.

Da meine Unterkunft in Neustadt noch zu hat, genehmige ich mir ein zweites Eis des Tages. Während ich mich gütlich an meinem Eis tue, schallt scheinbar endlos lang und extrem laut das Geläut einer Kirche durch die Straße. Das soll auch den letzten Schläfer der ein kleines Nachmittagsnickerchen macht wachrütteln. Meine Müdigkeit ist wie weggeblasen. Als ich später das Zimmer beziehe, liegen da tatsächlich Ohrstöpsel auf dem Nachttisch bereit. Der Wirt sorgt halt vor. Wenn nicht gegen das Glockenläuten, so auch gegen den Straßenlärm und die Gäste des Hauses. Das ist nämlich eine ausgewiesene Bikerunterkunft und die können gut feiern. Mich stört in der Nacht einzig die Straße. Die ist zwar wenig befahren, aber die die das tun, fahren rennen oder haben ihren Auspuff verloren. Ab auch da ist irgendwann Ruhe.

Man wird umsorgt

Zuvor am Abend stell ich allerdings fest, dass der Schwarzwald ein Dorf ist. Eine Truppe ältere Herren, die ich schon in der Zuflucht getroffen habe, sitzen einen Tisch weiter und unterhalten sich über Daniel, meiner englischen Wanderbekanntschaft. Klar, dass ich da mich auch noch kurz dazugeselle. Die sind auch auf dem Westweg unterwegs. Wobei einer von ihnen, der nicht mehr ganz so laufen kann, mit dem VW-Bus für die Anderen Taxi spielt. Das hat den Vorteil, man kann fast an jedem Punkt der Wanderung starten oder aufhören und man läuft mit leichtem Gepäck. Ich merke aber schnell, dass mir der heutige Tag nun seinen Obolus abfordert. Schließlich habe ich nicht den Vorteil des Gepäcktaxis und ich sehne mich (nicht wirklich) nach den Ohrstöpseln.

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